Waschgang #13
Kann das sein?
Tja, Leute. Heute werde ich mal gezielt den Lesewiderstand erhöhen. Das bedeutet längere Sätze, viel Vergangenheitsform, und vor Allem ein völlig überspannter Bogen. Im nächsten Absatz steht was über Surfen, und im letzten Absatz steht was über Surfen. Aber dazwischen ist der Bogen. Mal sehen.
Es gibt eine andere Textserie, die jeder deutsche Surfer kennen dürfte. Sie erscheint monatlich in einer Zeitschrift, die jeder deutsche Surfer kennen dürfte. Und sie erscheint immer ganz am Ende, was jeder deutsche Surfer dann wahrscheinlich doch wieder nicht aufm Schirm hat. Ich gedenke, diese Serie in unbestimmter Zukunft zu parodieren. Doch alles zu seiner Zeit.
Jetzt erstmal der Bogen. Dabei handelt es sich um so eine Art fiktiven Erzählausschnitt.
Howard Schmidt saß an seinem Computerbildschirm, und sah die Daten an sich vorbeirauschen. Niemand in seiner Behörde hatte eine konkretere Vorstellung davon als er, was es mit dem Allgemeinplatz, Geheimdienstdaten zu sammeln wäre nicht das Problem, sie auszuwerten hingegen schon, tatsächlich auf sich hatte. Er saß an der Ader dieses unauswertbaren Datenstroms wie ein Fährmann an einem reißenden Fluß. Bloß, dass er niemandem half, dort überzusetzen. Dieser Strom hier würde nie von jemandem überquert werden. Auch bestand dieser Strom nicht aus einem Leben spendenden Element, sondern aus Daten. Daten sind das Gegenteil von lebendig. Daten haben das Leben bereits hinter sich gelassen. Tote Informationen. Aber eins hatte dieser Strom gemeinsam, mit dem reißenden Fluss über den der Fährmann wacht. Er war immer anders, und er war immer gleich. Schmidts Stelle bei der großen, staatlichen Informationsbehörde wurde in seinem Arbeitsvertrag schlicht Informationsdienstler genannt, und Schmidt war es bisher immer ein Rätsel gewesen, was eigentlich der genaue Sinn seiner Tätigkeit hier war. Seine Behörde sammelte zu jeder Zeit, auf verschiedenste Arten und Weisen, auf der ganzen Welt Informationen. Und zwar Informationen schlicht jeden Typs. Telefongespräche, Satellitenaufzeichnungen, Zeitungsberichte, interne Firmeninformationen, externe Firmeninformationen, komplette Pressespiegel aller Länder; hätte die Behörde nur gekonnt, sie hätte auch noch die Träume der Menschen mitgeschnitten. Nun waren für die Auswertung all dieser Arten verschiedener Informationen natürlich auch verschiedenste Abteilungen in der großen Behörde zuständig, Abteilungen, die teilweise völlig voneinander getrennt agierten. Aber eines hatten alle Informationen gemeinsam: Sie zogen an Howard Schmidt auf seinem kleinen Monitor vorüber. Eine einmalige, niemals wiederkehrende Informationsmatrix. Und seine Aufgabe war es nur, sie zu beobachten. Ursprünglich hatte man ihn nur kurzfristig an diesen kleinen Monitor beordert. Damals hieß es, er solle auf Unregelmäßigkeiten achten, sehen, ob ihm irgendetwas Verdächtiges auffällt. Seine Vorgesetzten wussten selbst nicht so genau, was sie damit eigentlich meinten, dachte sich Schmidt, als er diese Aufgabe bekam. Wahrscheinlich steckte sogar noch eine andere, größere Behörde dahinter, die es aus irgendwelchen Gründen anscheinend wichtig fand, dass diese Arbeit so erledigt wurde. Wahrscheinlich hatte diese Behörde seiner Behörde schlicht mitgeteilt, dass es aus besonderen Gründen unerlässlich sei, dass jemand mit nichts anderem beauftragt wird, als auf einen Monitor zu blicken, auf dem einmal Alles an gesammelten Informationen vorbeizieht. Und dann darauf achtet, ob ihm irgendetwas Auffälliges begegnet. Schmidt begegnete nie irgendetwas Auffälliges. Schon seit dem Ende des kalten Krieges nicht mehr, und davor auch nicht. Aber heute fiel ihm etwas auf.
Im stachen drei aufeinanderfolgenden Sätze ins Auge. In jedem dieser drei Sätze kamen je zwei Wörter direkt nacheinander vor: deutsche Surfer. „Kann das sein?“, fragte er sich im Stillen, während er die Matrix weiter an sich vorbeilaufen ließ.
Michael Remy







